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Die Bedeutung ethischer Standards für die Vermittlung des Enneagramms

Die Bedeutung ethischer Standards für die Vermittlung des Enneagramms

Die Teilnahme an der Ausbildung zum Enneagrammlehrer / zur Enneagrammlehrerin setzte das Einverständnis voraus, eine Selbst- verpflichtungserklärung zur Einhaltung der Standards der IEA zu unterzeichnen. Diese Standards begleiteten mit ihrer „textlichen Anwesenheit“ unsere Ausbildungstage – in kritischen Situationen des Lehr-Lern-Prozesses kamen wir auf sie zurück. Sie „riefen“ uns sozusagen zur Ordnung und „schufen“ für uns Ordnung, wenn uns unsere Verwicklungen aus dem Tritt brachten.

Der Aneignungsprozess ist naturgemäß von persönlicher Verunsicherung begleitet, werden hierbei doch sehr tief gehende Erfahrungen mit sich selbst und dem bis dahin für unerschütterlich gehaltenen Bild von sich selbst gemacht. In dieser labilen Situation können Typologien und Zuschreibungen leicht dazu verführen, Grenzüberschreitungen gegenüber den Entwicklungsprozessen Anderer zu begehen. Nur: Dies ist ganz und gar nicht im Sinne der Idee des Enneagramms und seiner neunfach differenzierten Persönlichkeitsstrukturen, Aneignungswege und Entwicklungsschritte.

Zusammengefasst besagen die Standards der IEA für unsere Haltung in der Lehre:

Zu allererst geht es darum, das Enneagramm für sich selbst zu durchdringen, es in sich hinein zu lassen, die eigenen Verwicklungen zu spüren, Entwicklungserfahrungen geschehen zu lassen und zu reflektieren. Aus diesem Prozess entwickelt sich ein Miteinander, ein Wissen um die Schwierigkeiten eigener Entwicklung, die auch gegenüber Anderen zu wertschätzendem und begleitendem Umgang verpflichtet, so dass sich ein Überstülpen von Diagnosen und Ratschlägen verbietet. Auch wenn die Mustererkennung vorher nicht verstandene Verschiedenheit erklärt und gleiche Musterzugehörigkeit zu einer tiefen Verbindung führen kann, bleibt jeder Mensch für sich einzigartig und ist mit der Diagnostizierung noch längst nicht in allen seinen Persönlichkeitsanteilen erkannt und verstanden. Auch aus diesem Grund wäre es anmaßend und die Idee des Enneagramms korrumpierend, würde man über sie als Herrschaftswissen verfügen und die Entwicklungsbegleitung derjenigen, die sich im gemeinsamen Lernprozess befinden, außer Acht lassen.

Die Verbindlichkeit dieser Standards ist auch für unsere Weiterarbeit im Deutschen Enneagramm Zentrum (DEZ) und für alle, die an ihr teilnehmen, Voraussetzung.

Wie wir das Lehren des Enneagramms verstehen

Die Wirkmächtigkeit des Enneagramms verpflichtet alle Lehrenden zu größtmöglichster Sorgfalt und Achtsamkeit. Dies bezieht sich auf

  • die Inhalte
  • auf die Klarheit der Vermittlung
  • auf die Offenheit für die Fragen und Wirkungen, die die Idee des Enneagramms bei den Lernenden auslöst
  • auf die Haltung, dass jeder Mensch Experte und Expertin für seine eigene Person ist und bleibt, unabhängig davon, wie enneagrammatisch fortgeschritten diese Person ist
  • auf die Bewusstheit darüber, dass jede dieser Expertinnen und Experten zeitlebens Lernende bleiben werden und die Fortgeschrittenheit der Lehrenden stets relativ ist. Achtsamkeit sich selbst, den Lernenden und der Idee gegenüber, führt erst hin zur Vermittlungsfähigkeit.


  • Im Laufe der Ausbildung haben wir weitere Standards für uns etabliert, die diesen Weg der „Achtsamkeit“ gegenüber der Idee wie gegenüber den Menschen, die sich im Lernprozess befinden, über die IEA-Standards hinaus sehr befördert haben.

    Was uns die 12 Schritte und Traditionen der AA für die Vermittlung des Enneagramms bedeuten

    Die Befassung mit den 12 Schritten, wie sie in den Gruppen der AA (Anonyme Alkoholiker) weltweit praktiziert werden, hat unser Bewusstsein dafür geschärft, dass eine Entwicklung der Persönlichkeit nicht allein aus eigener Kraft gelingen kann. Sie kann erst in Gang kommen, wenn wir anerkennen, dass wir Teil eines Ganzen sind. Als solcher sind wir mit einer Kraft verbunden, die größer ist als wir selbst. Mit ihr können wir in Verbindung kommen, können aber nicht über sie „verfügen“. Wir können uns gegenseitig Kraft und Hoffnung geben, indem wir einander auf unserem Entwicklungsweg begleiten und unsere Erfahrungen miteinander teilen.

    Wir haben die 12 Schritte der AA auf entsprechende 12 Schritte in der enneagrammatischen Entwicklung übertragen. Gleiches haben wir mit den 12 Traditionen der AA getan und sie zu 12 Traditionen der Idee einer enneagrammatischen Gemeinschaft umformuliert. Die Form der Meetings haben wir ebenfalls von den Zusammenkünften der AA adaptiert. Sie haben unseren Ausbildungsweg um tiefe Erfahrungen bereichert und unsere Verbundenheit miteinander sehr gestärkt.

    Was uns Martin Bubers Dialogphilosophie bedeutet

    Wesentliches Element unseres Ausbildungsweges war darüber hinaus die Dialogphilosophie Martin Bubers. Er hat in seinem grundlegenden Werk „Ich und Du“ wie niemand vor und nach ihm herausgearbeitet, was es heißt, wahrhaft in Beziehung zum Anderen zu treten.

    In einer ungewohnt verdichteten Sprache formuliert Martin Buber, welche innere Haltung erst die Beziehung zwischen Ich und Du begründet. Ich, Es, Du, Beziehung, Liebe, Entwicklung, Gemeinschaft sind für ihn Schlüsselbegriffe für wirkliche Begegnung zwischen Menschen (und zwischen Mensch und Gott).

    Hier einige Beispiele:

    „Das Du begegnet mir von Gnaden - durch Suchen wird es nicht gefunden. Aber dass ich zu ihm das Grundwort spreche, ist Tat meines Wesens, meine Wesenstat. Das Du begegnet mir. Aber ich trete in die unmittelbare Beziehung zu ihm. So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem ... Das Grundwort Ich-Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Die Einsammlung und Verschmelzung zum ganzen Wesen kann nie durch mich, kann nie ohne mich geschehen. Ich werde am Du, Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

    Die Beziehung zum Du ist unmittelbar. Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen, keine Phantasie; und das Gedächtnis selber verwandelt sich, da es aus der Einzelung in die Ganzheit stürzt. Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme; die Sehnsucht selbst verwandelt sich, da sie aus dem Traum in die Erscheinung stürzt. Alles Mittel ist Hindernis. Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht die Begegnung.

    ... Gefühle werden „gehabt“; die Liebe geschieht ... Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du.“

    Die Wirkmächtigkeit des Enneagramms kann Menschen sehr verunsichern. Sie fordert von den Lehrenden eine Haltung, die vom Gegenüber als „Verantwortung eines Ich für ein Du“ erlebt wird. Denn das Enneagramm berührt die Menschen wie kaum ein anderes Instrument in ihrem innersten Kern. Wenn wir als Lehrende Menschen in ihrer enneagrammatischen Entwicklung begleiten, kann dies nur dann entwicklungsfördernd sein, wenn wir voraussetzungslos auf Andere zugehen und uns selbst öffnen, indem wir Begegnung als ein Ereignis zwischen Ich und Du verstehen.

    Gemeinschaft „entsteht nicht dadurch, dass Leute Gefühle füreinander haben (wiewohl freilich auch nicht ohne das), sondern durch diese zwei Dinge: dass sie alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen. Das zweite entspringt aus dem ersten, ist aber noch nicht mit ihm allein gegeben. Lebendig gegenseitige Beziehung schließt Gefühle ein, aber sie stammt nicht von ihnen. Die Gemeinde baut sich aus der lebendig gegenseitigen Beziehung auf, aber der Baumeister ist die lebendig wirkende Mitte ...“

    Wie wir die Gruppe als Lernort verstehen

    Auch wenn der Stil des Lehrens zur lehrenden Person passen muss und deshalb stets höchst individuell sein wird, war unser Lehrprozess als Großgruppenprozess gestaltet, und wir alle übten uns darin, ihn sowohl als unseren Lernweg zu erkennen als ihn auch selbst zu praktizieren.

    Er ist getragen von Martin Bubers Idee der Gegenseitigkeit. Lehrende und Lernende werden erst gemeinsam wirksam. Die Gleichwertigkeit beider Rollen bzw. der Wachstumsprozess hin zu gelebter Gleichwertigkeit auf beiden Seiten macht Entwicklungsprozesse erst möglich. Kein zeitlich organisiertes Konzept, keine noch so gekonnte „Erst-dies-dann-das-Didaktik“ darf den tatsächlichen Entwicklungsschritten aller Beteiligten im Wege stehen. Die Inhalte gliedern sich durch die Fragen, Wachstumsschmerzen, ausgesprochenen Gedankengänge und Verarbeitungswege eines und einer Jeden.

    „Beziehung ist Gegenseitigkeit. Mein Du wirkt an mir, wie ich an ihm wirke. Unsere Schüler bilden uns, unsere Werke bauen uns auf.“

    „Wer in der Beziehung steht, nimmt an einer Wirklichkeit teil, das heißt: an einem Sein, das nicht bloß an ihm und nicht bloß außer ihm ist. Alle Wirklichkeit ist ein Wirken, an dem ich teilnehme, ohne es mir eignen zu können. Wo keine Teilnahme ist, ist keine Wirklichkeit. Die Teilnahme ist umso vollkommener, je unmittelbarer die Berührung des Du ist.“

    In einem solchen Rahmen entsteht eine Achtsamkeit für den eigenen Lernprozess und den der anderen Teilnehmenden. So wächst allmählich ein Verständnis für die verschiedenen Aneignungswege und -hürden anderer Ennea-Muster.

    Wir meinen, dass der Großgruppenprozess für die Vermittlung des Enneagramms der geradezu notwendige Vermittlungsweg ist, denn die neunfache Verschiedenheit der Menschen und ihrer Lernschritte wird hierbei direkt erlebbar.

    Allein auf sich gestellt kann wahrscheinlich niemand die Inhalte so vermitteln, dass sich diese vielfache Anderheit augenfällig erschließt und präsent wird. Alle am Lernprozess Beteiligten müssen ihre Sicht und ihr bestätigendes oder korrigierendes Feedback dazu beitragen, damit die Wahrheit des Lebendigen, die das Enneagramm meint und beschreibt, aufscheinen kann.

    Dieser Lehrprozess entwickelt sich – im Unterschied zu bekannten Prozessen wie Psycho- und Gruppendynamik – zu einem Zusammenwirken, das Wilfried Reifarth als „Enneadynamik“ beschrieben hat. Enneagrammatische Persönlichkeitsentwicklung und Egoreduktion sind nicht möglich, ohne sich selbst und den Anderen zu erkennen. Mit andern Worten: gleichsam neunsprachig zu werden.

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