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Wie ich zum Enneagramm gekommen bin

Wo fang ich mit mir an? Nach dem Abitur, bei meinem Studium oder eher bei meiner professionellen Laufbahn: vom Erziehungshelfer in einem Heim für geistig behinderte Menschen bis hin zu meiner heutigen Tätigkeit als Leiter und Träger einer Jugendhilfeeinrichtung? Für mich bleibt es bis heute offen, ob ich überhaupt zum Enneagramm gekommen bin, oder ob es sich nicht doch eher umgekehrt verhält.

Blicke ich heute auf meinen über fünfzigjährigen Lebensweg zurück, müsste ich eigentlich sagen: Es war eine zufällige, absichtslose Bewegung hin zum Enneagramm, keine zielgerichtete. Und ich habe dieses Treffen eigentlich nicht gewollt, gesucht oder gar eingefordert. Nein: Ich muss mir eingestehen, dass ich ein „Treffen“ kategorisch abgelehnt hätte.

Den Ruf des Enneagramms nahm ich während einer Weiterbildung zur Leitungsfachkraft und zum Supervisor im Deutschen Verein wahr, leise, fast schwebend und doch glasklar. Ablehnung und Interesse kennzeichneten damals mein Verhalten. Diese Weiterbildung hatte ich begonnen, nachdem ich als Erziehungsleiter schmerzlich erfahren musste, dass ich trotz regelmäßiger Supervision und anderer selbstreflexiver Strategien immer wieder zu irritierendem, wechselhaftem und andere Menschen schockierendem Verhalten neigte.

Auf der einen Seite versuchte ich, die Begegnungen mit den Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern, der Klientel und Kollegen partnerschaftlich, auf ein dialogisches Verhältnis ausgerichtet und eher harmonisch zu gestalten. Auf der anderen Seite reagierte ich bei - aus meiner Sicht - abweichendem Verhalten sofort mit machtvoller Kritik, Kontrolle und immensem Druck. Hier war mir jedes Mittel zur Zielerreichung recht.

Hatte ich schon während des Studiums über viele Semester selbst- und fremdreflexives Vorgehen förmlich eintrainiert und parallel dazu die wissenschaftstheoretischen Erkenntnisse der modernen Psychoanalyse im Sinne einer neu entstandenen Psychoanalytischen Pädagogik kennen- und in der Praxis umsetzen gelernt, wollte ich über diese Weiterbildung meine Persönlichkeitsstruktur hinsichtlich der Aufgabe von Leitung und Führung erweitern und den Blick für systemische Abläufe schärfen, um nicht wieder - oder wenigstens nicht so oft - das oben geschilderte Verhalten als Automatismus zeigen zu müssen.

Aus dem zeitlichen Abstand und mit enneagrammatischen Erkenntnissen durchdrungen, kann ich sagen, dass die erfolgreiche Teilnahme an dieser Weiterbildung wirklich meine Persönlichkeitsstruktur erweiterte: Das eklektische Vorgehen, die vielfältigen Übungen und Diskussionen in der Großgruppe, das Erkennen und Erlernen ethischer Standards für Leitung und Supervision und noch Vieles mehr, zeigten Wirkungen. Mein Methodenkoffer war gut gefüllt und ich musste feststellen, dass ich mich in für mich schwierigen Situationen weiterhin so verhielt wie früher. Hier zeigte ich immer wieder mein verstecktes, aber auch wahres Ich: Laut und ohne Rücksicht auf Verluste und Grenzen, ohne Reue, mit Macht (und manchmal mit Gewalt) trat ich Menschen gegenüber - eigentlich trat ich sie mehr als dass ich ihnen gegenüber trat -, um sie auf ihre Ungerechtigkeit oder Unzuverlässigkeit festzunageln, und sie gleichzeitig von meiner Sicht und Richtigkeit zu überzeugen.

Die für mich so wichtige Qualität einer lebendigen und wahrhaftigen Begegnung zerstörte ich mit dem beschriebenen Verhalten in wenigen Augenblicken, wobei ich eigentlich nicht nachvollziehen konnte, warum sich der jeweilige Mensch oder die Gruppe von mir abwandte. Auseinandersetzungen gehören für mich zum Leben wie Atmen, Essen und Trinken, und natürlich werden sie hart geführt. So lebte ich schon immer, denn: Wo gehobelt wird, da fallen Späne.

Meine nach außen stillen und nach innen brüllenden Selbstzweifel und meine totale Selbstverurteilung wurden auf diese Weise weiter genährt, mit jedem „Ich-zeige-mich-wie-ich-bin-und-fühle-und-kämpfe-wie-ein-Löwe-gegen-
alles-Ungerechte-und-gegen-jeden-Verrat“ ein wenig mehr.

Von meinem Studium, den vielen Fort- und Weiterbildungen, der regelmäßigen und jahrelangen Teilnahme an Supervisionsgruppen, erhoffte ich, mich und das Sosein der Menschen besser verstehen zu können. Aber all dies hat sich für mich nur als bruchstückhaft, leblos, und praxisfremd herauskristallisiert und ist mir letztendlich auch fremd geblieben. Vielleicht war ich mit meiner Art und Struktur – also ich selbst – für die soziale Arbeit, Beratung, Supervision und für das Leiten und Führen von Menschen in und von sozialen Organisationen einfach nicht der Richtige.

Durch meine Wut und meine Gewaltbereitschaft, meine extremsten Kontrollbedürfnisse, meine hohe aber, auch rücksichtslose, Umsetzungsgeschwindigkeit bei neuen Ideen und durch meine immer vorgenommene Teilung der Welt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, verschreckte, verängstigte, beleidigte und verprellte ich sehr viele mir wichtige Menschen. Trotz aller Bemühungen, Aufarbeitungsversuche und guter Vorsätze verstand ich mich und die Welt immer weniger.

Einer der letzten Bausteine in der Weiterbildung zur Leitungsfachkraft und zum Supervisor stellte das Enneagramm dar, es war eher eine zusätzliche Information, aber eine Anwendung konnte auf Grund der späten Platzierung im Ablauf der Weiterbildung nicht eingeübt oder überprüft werden. Ein mir bis dahin unbekannter Wilfried Reifarth führte in das Enneagramm ein, und plötzlich waren sehr viele der Gruppenmitglieder krank. Das Enneagramm zeigte Wirkung, wenn auch sicherlich nicht die gewünschte.

Sehr skeptisch und eher ablehnend, aber auch mit klammheimlicher Schadenfreude über die entstandene Wirkung, machte ich mich an die Arbeit: ein Buch lesen, das die Menschheit in neun Muster einteilt - auch noch mit fast religiösem Hintergrund - na ja, dieser Ansatz überzeugte mich überhaupt nicht.

Beim Lesen eines der Muster fand ich mich.

Aber so genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen, alle meine Verhaltensweisen wurden beschrieben und genau beleuchtet – das war alles andere als angenehm. Aber auch die Erklärung, die ich mir persönlich, meine Motivation betreffend, zurechtgelegt hatte, wurde in wenigen Sätzen einfach von meinem schön gedeckten (Erklärungs-)tisch gewischt. Wirkte dies auf mich erbarmungslos (und das kenne ich von mir sehr gut), stellte ich beim weiteren Lesen fest, dass doch auch Entwicklungsmöglichkeiten konkretisiert wurden – also nicht erbarmungslos, sondern nur schonungslos. Etwas Wahrhaftiges berührte mich.

Und noch etwas blitzte bei dieser ersten Begegnung mit dem Enneagramm auf: Die Anderen waren wirklich anders. Für sie waren andere Werte wertvoll; nichts war durch die Aufteilung in die neun Muster (ver)einfach(t), sondern es wurde nur klarer:

Neunfach gab es eine Welt der Angst
Neunfach gab es eine Welt der Liebe
Neunfach gab es eine Welt des Humors
Neunfach gab es eine Welt der Ordnung
Neunfach gab es eine Welt der Macht
Neunfach gab es eine Welt der Zeit
Neunfach gab es eine Welt der Gier

Fazit: Neunfach gab es eine Welt der Not

Schritt für Schritt begann meine Annäherung an mein ACHTer-Muster und die anderen acht Muster - und so geht es noch heute: Nach nunmehr fast 15 Jahren Beschäftigung mit dem Enneagramm beschreite ich diesen Weg immer vorsichtiger und geduldiger. So kam das Enneagramm zu mir und ich zu mir. Und so kam ich zu den Anderen und die Anderen zu mir.

Was das Enneagramm für mich bedeutet

Das Enneagramm und die Auseinandersetzung mit dessen Aussagen und Erklärungsansätzen bedeuten für mich, die Tür zur Welt gefunden zu haben. Nach den vielen Jahren verstehe ich, dass ich mich nur in der Begegnung mit Anderen verstehen und erkennen kann: Indem ich mich ernsthaft und kontinuierlich bemühe, die Sinnhaftigkeit des Andersseins in der Begegnung zu verstehen und achten zu lernen, kann ich mich verstehen. Aber niemand anderer (oder etwas anderes) als ich selbst in und mit meinem Muster ist für meine Entwicklung (oder eben Nicht-Entwicklung) verantwortlich zu machen: Nicht der oder das Andere ist schuld, wenn ich mich vor mir selbst und dem Anderen verstecke, wenn ich mit Macht und Wut meine wirkliche Wirklichkeit vergesse. Und das alles nur, weil mir mein Ego vorgaukelt, im Recht zu sein und mich zu schützen zu müssen.

Als ein Mensch des Musters ACHT musste ich mich nicht nur mit

  • meiner extremsten Lust nach und in Exzessen jedweder Art und ohne Ende
  • meiner immer vorhandenen Kontrolllust
  • meiner gefährlichen Angstfreiheit
  • meiner unersättlichen Machtgier
  • meiner unbekümmerten Risikobereitschaft
  • meiner scheinbaren Unverletzbarkeit
  • meiner ungerechten Gerechtigkeitsgier


sondern auch mit
  • meiner Sehnsucht nach Zärtlichkeit
  • meiner verletzbaren Weichheit
  • meiner versteckten Kind-sein-Wollen-Seite
  • meiner übertünchten Veränderungsangst
  • meiner harmoniedurchtränkten Beziehungsgier


auseinandersetzen, und all dies wahrhaftig, ehrlich und schonungslos zur Disposition stellen, ohne andere und mich zu schädigen.

Daneben musste ich dies in achtfach anderer Ausprägung und Ausformung für mich erkennbar und begreifbar werden lassen, mit anderen Worten: Ich musste erkennen lernen, wie acht andere Muster „ticken“, wie deren Verwicklungen und Egoverstecke heißen und wirken, welche sie überhaupt haben, und was sie dahinter verzweifelt zu verbergen suchen.

So konnte ich langsam, in vielen Jahren - viele Gruppensitzungen und eine Weiterbildung zum Enneagrammlehrer waren dafür notwendig – mit der Andersartigkeit umgehen lernen, ohne automatisch mein Ego sofort als „bedrohte Spezies“ definieren zu müssen.

Ich habe mich vielleicht sogar entwickelt: Meine unangenehmen Seiten sind in Häufigkeit und Intensität nur noch in abgeschwächter Form vorhanden. Und gleichzeitig kann ich diese Seiten mittlerweile sinnstiftend und als eine wichtige Ressource nutzen: Manchmal ist das machtvolle Machen der einzige Weg zur Entwicklung. (Und hierfür sind wir ACHTER-Menschen der Garant, der Garant der sinnstiftenden Begegnungs-Tat). Denn: am „ Anfang war die Tat“, wie der alte Goethe schon sagte.

Welche Bedeutung das Enneagramm für mich in meiner Arbeit als Pädagoge und Leiter einer Jugendhilfeeinrichtung hat

Während der Ausbildung zum Enneagrammlehrer wurde ich mit den Erkenntnissen des Enneagramms, den IEA-Standards, den Aussagen von Martin Bubers Dialog-Philosophie sowie den 12 Schritten der AA konfrontiert. Durch die komplexe Verbindung dieser sich ergänzenden Erkenntniszugänge (im Zusammenspiel mit „handelsüblichen“ pädagogisch-therapeutischen Erklärungs- und Handlungsstrategien) war ich langsam in der Lage, einen fördernden Dialog aufzubauen, der sich als wahrhaftige Begegnung beschreiben lässt. Denn beide bzw. alle Seiten der an der Begegnung Beteiligten wissen um ihr Muster, damit auch um ihre Verwicklungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.

So entsteht eine wirkliche und gleichzeitig hohe Offenheit im Prozess der jeweiligen Entwicklungs- und Erziehungsarbeit. Dabei ist das sonst übliche Gefälle zwischen Klient und Professionellem deutlich reduziert, denn beide wissen um ihre und um die „Macken“ des jeweils Anderen. Und für übliche Versteckspiele, die letztendlich immer in Rückzug oder Rache enden, bleibt kein Raum mehr.

Schonungslos, klar und mit viel Humor in der wahrhaftigen Bestimmung von

  • Ressourcen und Hemmnissen
  • Entwicklungszielen
  • Entwicklungsschritten
  • den dazu passenden Geschwindigkeiten und
  • den dazu passgenauen Messpunkten,


  • kann der Prozess gemeinsam erarbeitet und gelebt werden.

    Dabei weiß der Pädagoge – und zwar nur durch seine eigene Erfahrung – mit welchen Ängsten, Egofallen und starken Hemmnissen der jeweilige Jugendliche zu kämpfen hat.

    Nur wenn der Pädagoge

  • recht gelebte Kontinuität, Wahrhaftigkeit und Schonungslosigkeit bei der Klarheit der Benennung der momentanen Entwicklungsphase garantiert,
  • Schutz und Forderung zugleich bietet,
  • wirkliche Wertschätzung der Entwicklungsleistungen zeigt,
  • Rückschläge und notwendige Pausen akzeptiert,
  • und bei alledem den Humor nicht verliert,

  • können die Verwicklungs- und Egofallen langsam und schrittweise in ihrer Wirkungsstärke abgeschwächt werden. Eine wirkliche Veränderungsarbeit findet also gemeinsam statt, um im nächsten Schritt neue, den Entwicklungszielen besser entsprechende, Verhaltensmodi einüben zu können. Dies wird einem Pädagogen, der mit dem Enneagramm arbeitet, künftig abzufordern sein.

    Auch die Rolle der Leitung ist neu zu definieren, denn der Pädagoge benötigt einen auf Begegnung ausgerichteten professionellen Rahmen, der eine genaue enneagrammatische Diagnose zulässt und das jeweilige Muster mit seinen Verwicklungstendenzen, Egofallen aber auch den Entwicklungsmög-
    lichkeiten sichtbar und benennbar werden lässt.

    Dieser „Leitungs-Mensch“ kann sich nicht hinter einem selbstauflösenden Spiegel verstecken oder qua Amt und Erfahrung auf ein „Ich-weiß-es-besser-insbesondere-für-Dich“ reduzieren, sondern auch er muss, bei sich beginnend, sich in der Begegnung mit Mitarbeitern lebendig und wahrhaft zur Verfügung stellen. Aus dem gemeinsamen professionellen Handeln entwickelt sich so schrittweise ein Begegnungsraum, der sich auch als ein gemeinsames Leben auf Zeit definieren lässt und damit der Wirklichkeit des Lebens entspricht.

    Für mich als Mensch des Musters ACHT bedeutet dieser Begegnungsraum, dass ich mich mit meinen Verwicklungs- und Entwicklungstendenzen ehrlich zur Verfügung stelle. Meine „dunklen Seiten der Macht“ schonungslos, ohne Erklärungsmäntelchen und Verständnisbettelei, veröffentliche und dabei sorgsam auf den Schutz der anderen Menschen und ihre musterspezifischen Ängste achte. Indem ich verlässliche Strategien aufzeige, die es mir ermöglichen, von meiner Egozentrierung und von dem damit einhergehenden fremdverletzenden Verhalten schnell ablassen zu können, kann ich dem Gegenüber Schutz und gleichzeitig Begegnung garantieren. Ich bin für mich und auch für meine Entwicklung verantwortlich, aber nur in der Begegnung wird sie mir gelingen.

    Dieser Weg, der sich hier so schön beschreiben lässt, birgt viele Fallstricke und sollte in seiner Komplexität nicht unterschätzt werden. Die Komplexität wird durch die Einbeziehung aller am Erziehungsprozess beteiligten wie Eltern, Mütter, Väter, Lehrer und Sozialarbeiter des Jugendamts noch einmal um ein Vielfaches erhöht.

    Erziehung, Leitung, Führung, Supervision und Therapie erfahren durch das Enneagramm eine neue Zentrierung. Für mich als Pädagoge, Leiter und Supervisor ist es ein Geschenk, das ich für das Gelingen meiner alltäglichen Beziehungsarbeit nicht mehr missen möchte. Erst damit werden meine früheren Bildungserfahrungen zu dem, was sie immer versprochen haben: Begegnung und wahrhaftige Dialogfähigkeit sind möglich. Und ich kann zu dem werden, der ich vorher war, bevor ich zu dem wurde, der ich heute bin.

    Der Erfolg des Einsatzes des Enneagramms in der pädagogisch therapeutischen Arbeit mit Jugendlichen begründet sich für mich - vielleicht sogar hauptsächlich - in der wahrhaftigen Begegnung mit meiner Partnerin. Dank ihrer liebevollen Schonungslosigkeit, ihrem konsequenten Hinzeigen auf meine Verwickeltheit und ihrer wahrhaftigen Annahme meiner Person, ist aus dem typischen ACHTER-Versuchsballon, das Enneagramm in der Erziehungshilfe einzusetzen, ein lebendiger und beständiger Begegnungsraum geworden. Danke hierfür!

    „Bei sich beginnen, aber nicht bei sich enden;
    Von sich ausgehen, aber nicht auf sich abzielen;
    Sich erfassen, aber sich nicht mit sich befassen.“ (Martin Buber)

    - Adam -

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