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Wie das Enneagramm meine Lehrtätigkeit verändert hat

Ich bin ein Mensch des Musters SIEBEN. Seit 1990 kenne ich das Enneagramm, seit 1994 befasse ich mich als Hochschullehrerin in Aus-, Fort- und Weiterbildungszusammenhängen damit. Meine Gegenüber sind hierbei Studierende der Sozialarbeit/Sozialpädagogik, Berufsanfänger dieses Sektors und erfahrene Kollegen und Kolleginnen aus der Praxis der Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Das Enneagramm ist hilfreich, um Prozesse des Hineinwachsens in die Berufsrolle, das Entwickeln beruflicher Identität, sowie die damit zusammenhängenden Reflexionsprozesse zu unterstützen. Seine Eignung und Wirksamkeit für Prozesse der Selbsterforschung, der Selbsterkenntnis und der Reflexion eigenen Verhaltens habe ich an mir selbst erfahren können. Ich bin dankbar, diese Prozesse bei Anderen beobachten und wahrnehmen zu können und sie in ihrer Entwicklung zu begleiten zu dürfen.

Wenn ich meine musterspezifischen Erfahrungen betrachte, geht das kaum, ohne den beruflichen Kontext ein wenig zu beleuchten: Das Lehren im Hochschulbereich lässt mir zeitliche und inhaltliche Gestaltungsräume. Das ist ein Sachverhalt, der mir in meinem Bedürfnis nach hierarchiearmen Arbeitsstrukturen entspricht und mir nahe legt, mich immer wieder mit neuen Wissenssystemen vertraut zu machen. Meine mustereigene Verführbarkeit und Bereitschaft, Neuem gegenüber aufgeschlossen zu sein und mit Lust vernetzte Zusammenhänge zu erkennen und zu erschließen, beflügelten mich, als ich anfing, die enneagrammatische Idee zu begreifen.

Ich konsumierte die Enneagramm-Idee wie ein neues leckeres Theorie-Essen. Es fiel mir nicht schwer anzuerkennen, dass wir als Individuen nur 40 Grad der Realität erfassen können. Bestätigt wurde, dass wir alle verschieden (und insofern gleich) sind, dass es keine besseren und keine schlechteren Muster gibt. Hier schien für jeden Lernenden etwas dabei zu sein; als Lehrende konnte ich also „aus dem Vollen schöpfen“.

Die neu gewonnenen Informationen beantworteten im Kern mein Bedürfnis nach egalitären sozialen Strukturen, und meine Zuneigung zum Enneagramm war zu Beginn sicher auch so zu verstehen. Dass harte Prozesse der Selbsterkenntnis und Selbstreflexion für mich anstanden und dass das Thema „Egoreduzierung“ für mich (und jeden ernsthaft Lernenden) ein Dauerthema sein würde, ahnte ich damals noch nicht.

Es dauerte mehrere Jahre und bedurfte mehrerer Anläufe, bis ich mich ernsthaft und gründlich auf die Enneagramm-Idee einließ. Zwar meinte ich Bubers Aussage: „Du musst bei Dir selbst gewesen sein, um zum Anderen ausgehen zu können“, verstanden zu haben, jedoch mussten mich erst sehr harte Lebenserfahrungen zwingen, mich mit den Tiefenstrukturen meines Musters zu befassen: mir also anzuschauen, was hinter der daueroptimistischen Fassade steckte, und warum ich viel dafür tat, Tiefe in der Begegnung zwischen Menschen nicht zu befördern und viele Beziehungen in meinem Leben eher oberflächlich zu gestalten. Das stellte ich nicht nur in meinem privaten, sondern auch im beruflichen Lebensbereich fest. In Gruppen vermied ich es z.B., mich auf Prozesse einzulassen, in denen als Aggression maskierte Angst spürbar war. Locker und leicht lenkte ich ab. Heute sehe ich, dass ich den Teilnehmenden damit die Chance nahm zu lernen. Ich ließ mich nicht wirklich ein, sondern pflegte das Selbstverständnis einer Entertainerin.

Leider passte Letzteres nicht so recht zum Kontext, in dem es ja um das Selbstverständnis professioneller Helfer ging und um die Frage, wer sie als Helfende in einem sozialen Beruf sind bzw. sein wollen. Je zugänglicher mir meine eigene Angst und mein spezifischer Umgang mit ihr im Laufe der Jahre geworden sind, umso mehr habe ich die Angst vor der Angst der Anderen verloren. Meine Lust auf Teilhabe und Gestaltung offener Prozesse wuchs - und auch meine hierfür erforderlichen Fähigkeiten. Der Entwicklungsweg ging durch die eigene Angst und machte es nötig, an mir zu arbeiten. Sinnfragen wurden für mich zunehmend bedeutsam. Freiwillig hatte ich mich bis dahin diesen Themen höchstens auf einer personenfernen Ebene genähert.

Meine enneagrammatische - durch W. Reifarth wesentlich gestützte - Entwicklung kann ich nicht von der mich tief berührenden Dialogphilosophie Martin Bubers und dem 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker (AA) trennen. Hier liegen die Quellen für mein verändertes Selbstverständnis als Lehrende und für das Bemühen um eine Haltung, die heute davon gekennzeichnet ist, dass ich mein Gegenüber wirklich zu meinen versuche. Dazu gehört es für mich zu üben, im gegebenen Augenblick wirklich präsent zu sein und darauf zu verzichten, mich gedanklich in irgendwelchen geistigen oder fernen, in meiner Vorstellung künftig existierenden Welten zu bewegen. Mit anderen Worten: Gegenwart als die einzige, direkt beeinflussbare Zeitdimension anzuerkennen, im Hier-und-Jetzt zu leben. Das alles liegt quer zu meinen musterspezifischen inneren Antworten auf alltäglich Erlebtes.

In der Rolle der Lehrenden heißt das, mich als Person von den Menschen erreichen zu lassen, wirklich hinzuhören und Gruppenprozesse zu fördern, die es möglich machen, sich dem anderen zuzuwenden. Die Idee der Anonymen Alkoholiker, dass Gemeinschaft trägt und wir uns gegenseitig für unsere persönliche Entwicklung brauchen, unterstützt mich in diesem Selbstverständnis und hat mich bescheidener werden lassen.

Deshalb ist es auch mein Bestreben, die Beziehungen der Gruppenmitglieder untereinander zu fördern und das Autoritätsgefälle durch achtsames und sorgfältiges Gestalten von Lehr- und Lernstrukturen zu vermindern. Das, was sonst „Ordnung“ im Hochschulalltag stiftet (z.B. Dozentenstatus/Rolle) entfällt zwar nicht völlig, bekommt aber eine andere Qualität. Meine Leitungsfunktion ist und bleibt im gesamten Prozess wichtig, doch ich erlebe an mir selbst, dass mein Vertrauen in die Selbstleitungs- und Selbststeuerungsfähigkeit von Menschen gewachsen ist. Das enneagrammatische Wissen ermöglicht mir, die Verschiedenheit der Teilnehmenden nicht als etwas Bedrohliches, sondern als etwas elementar Förderliches wahrzunehmen und das Lernen in Großgruppenprozessen in diese Richtung zu unterstützen.

Gelingt dieser Schritt, wird in Seminaren voneinander gelernt, ist geschwisterliches Miteinander die beziehungsmäßige Qualität, treten Bewertungs- und Abwertungsmechanismen in den Hintergrund. Wie ungewöhnlich diese Erfahrung für Studierende ist, teilen sie mit, wenn sie erleben, dass bewertende Stellungnahmen zu ihren eigenen Mitteilungen ausbleiben und aufmerksames Zuhören oft für sie schon die hinreichende und angemessene Antwort ist: Wir können einander nicht besser würdigen als durch unsere volle Aufmerksamkeit. Jeder von uns hat das Bedürfnis, gehört zu werden. Jeder und jede Einzelne hat das legitime Bedürfnis, wahrgenommen und getragen zu werden und braucht hierfür in der Lerngruppe die Gewissheit, dass jemand dafür sorgt. Hierin sehe ich besonders in Anfangssituationen meine Hauptaufgabe: einen kommunikativen Rahmen zu schaffen, der Begegnung erleichtern hilft.

Buber beschreibt drei Arten, wie wir einen anderen Menschen wahrnehmen können: Beobachten, Betrachten und Innewerden. Zu Letzterem führt er aus, dass „mir in einer empfänglichen Stunde meines persönlichen Lebens ein Mensch begegnet, (…) der mir etwas sagt, mir etwas zuspricht, mir etwas in mein eigenes Leben hineinspricht. Das kann etwas über diesen Menschen sein, zum Beispiel, dass er mich braucht. Es kann aber auch etwas über mich sein. (…) vielleicht habe ich nur etwas zu lernen, und es kommt nur darauf an, dass ich annehme“. Heute ist mein Bewusstsein geschärfter für Begegnungen mit Menschen. Auch in lehrenden Zusammenhängen erlebe ich den Unterschied zwischen Beobachtung, dem entspannteren Betrachten des Anderen und dem, was Buber mit Innewerden meint.

2002 entschieden eine Kollegin und ich, das Enneagramm in der Hochschule zu lehren. Wir versuchten damit auch eine Antwort auf das fortschreitende Eindringen und die zunehmende Dominanz betriebswirtschaftlicher Lehrinhalte - und die damit verbundene Missachtung und Verdrängung psychosozialer Fragestellungen - zu geben. Stellten wir doch fest, dass in den sich neu etablierenden Hochschulstrukturen nur noch wenig Raum für die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden blieb. Dabei ist gerade sie von großer Bedeutung für ein Studium, das für den verantwortlichen Umgang mit Menschen in Grenzsituationen qualifizieren soll. In der Begegnung mit menschlicher Not, mit den damit verbundenen, beunruhigend fremden Erfahrungen und Sichtweisen, verspüren oft gerade Berufsanfänger großen Druck, diese Welt „zu ordnen“. Sie neigen dann zum Schwarz-Weiß-Denken oder der Übernahme vermeintlich hilfreicher Klischees. Das Entwickeln von Ambiguitätstoleranz, also der Fähigkeit, ungewisse Situationen auszuhalten, erscheint mir als großes Ausbildungsziel, auf das in kleinen Schritten zugegangen werden muss.

Seminare für Berufspraktikanten haben deshalb besonders den Schwerpunkt, das Bewusstsein für die „normale“ (neunfache) Verschiedenheit von Menschen zu schärfen. Auf diesem Weg hat sich eine knappe aber solide Einführung in die Enneagrammtheorie bewährt. Wir betten sie ein in persönlichkeitspsychologische Fragestellungen (unsere Verbeugung vor dem Kontext Hochschule), stiften Bezüge zu den Praxiserfahrungen und versuchen, über die jeweilige Besonderheit und Qualität jedes Ennea-Musters verständnisvoll, achtsam und menschenfreundlich zu informieren.

Unsere Erfahrung ist, dass daraus keine „Friede-Freude-Eierkuchen-Haltung“ erwächst, sondern dass die Enneagramm-Idee dafür sorgt, dass die Schattenseiten und die Entwicklungsnotwendigkeiten wahrgenommen und sprachfähig werden. Weil wir diesbezüglich alle im gleichen Boot sitzen, werden Ungewissheiten, Uneindeutigkeiten und Widersprüchlichkeiten eher ertragen. In diesem, von Verständnis getragenem, Gruppenklima wächst die Freude an der Vielfalt. Das Lernziel, die Ambiguitätstoleranz zu erhöhen, erscheint mir dann nicht mehr in so weiter Ferne.

Mein Verständnis der Wirk- und Erklärungskraft des Enneagrammkonzeptes hat sich verändert, seit ich direkt dazu lehre. Zunehmend genauer erfasse ich anhand der Fragen, der Kritik und der Suchbewegungen der Teilnehmer, aber auch durch deren Begeisterung und Interesse, die Reichweite dieser Theorie. Behutsamkeit und Genauigkeit sind dann besonders wichtig, wenn die Kenntnis des eigenen Musters für meine Gegenüber bedeutet, dass Selbstbilder ins Wanken geraten und die Pille der Einsicht, die es zu schlucken gilt, bitter ist: „So also scheine ich zu sein; so also sind meine Motive fürs Helfen.“ Dann ist es oft sehr wichtig, sie damit nicht allein zu lassen.

Beim Lehren lerne ich selbst viel und ahne, dass ich erst einen Teil (des mein Muster betreffenden Wissens) verstanden habe, und dass auch ich Lernende bin, genauso wie die Anderen auch. Über die Oberflächen der Muster zu informieren, erlebte ich anfangs als leicht. Heute ist mir bewusst, dass es darauf ankommt, in Achtung vor der Würde jedes einzelnen Lebensentwurfes die Theorie sprachlich sorgsam und klar darzustellen. Meine Kollegin und ich tun viel dafür, Vertrauen wachsen zu lassen und Sicherheit herzustellen. Wir sind bemüht, für Angst mindernde Kontextbedingungen zu sorgen. Dazu gehört, dass wir versuchen, gute Gastgeber zu sein. Wir öffnen mit dem Enneagramm, mit Martin Bubers Dialogphilosophie und der Genesungsidee der AA Türen und laden ein, die dahinter liegenden Räume zu betreten. Dabei verzichten wir bewusst auf Druck, denn Menschen müssen den Weg gehen, der ihnen gemäß ist, und wir sind bestenfalls Unterstützer, Begleiter auf dem Weg. Wir wollen stets auf der Suche nach Lernwegen bleiben, die Menschen in Erstaunen versetzen können, weil wir überzeugt sind, dass das Erleben von etwas Besonderem die Wahrscheinlichkeit wachsen lässt, dass es dadurch zu einer relevanten Erfahrung wird.

- Clara -

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