Eine Begegnung, eine Beziehung, eine Weggefährtin
Das Enneagramm ist für mich, einen Menschen des Musters ZWEI, wie eine weise alte Dame.
Begegnung
Das erste Mal suchte sie mich 1992 auf. Damals studierte ich Theologie und wollte von Berufs wegen ein (besonders) guter Mensch werden. Ich kannte meine eigenen Motive dazu nur spärlich und wollte ihnen zudem kaum über den Weg trauen. Immer schon waren mir die intellektuellen Vergleiche mit anderen Motivierten zuwider. Mir schien diese Form der Rechtfertigung lächerlich und äußerst unwesentlich. Wesentlicher waren mir da meine vorgelebten und - bitteschön - anzuerkennenden Beispiele zwischenmenschlicher Zuwendung und Kontaktpflege: mit den Kommilitonen, aber mehr noch an „besonderen Stellen“, wie z.B. bei gewissen Professor(inn)en oder geistlichen Würdenträgern.
Als die Dame zu mir kam, war ich aufgeregt. Ich bangte, ob sie denn wohl mein edles Gemüt erkennen würde. Natürlich erkannte sie es, jedoch verriet sie es mir nicht. Wie klug, denke ich im Rückblick. Seinerzeit führte unsere Begegnung dazu, dass ich sie respektvoll als die Instanz betrachtete, die das Leben und die Menschen kennt. An sie würde ich mich wenden, wenn diesbezüglich weitere Fragen bei mir selbst auftauchen sollten. In den Folgejahren begegneten wir uns zwar unregelmäßig und manchmal in größeren Abständen, aber eben doch immer wieder - und so wurden wir mit der Zeit vertrauter.
Immer mehr Menschen redeten inzwischen von bzw. über „meine“ Dame oder behaupteten, sie besser zu kennen - sie, die in der Tat klug und weise, allerdings auch nicht immer eindeutig zu verstehen war. Ja, das hatte ich schon gemerkt: So ganz ohne Missverständnisse ging es doch eher selten mit ihr. So manches Mal war es eher mühsam, wenn sie mich halb einlud, halb aufforderte, und ich mir und meinem So-Sein genauer auf den Grund gehen sollte. Sie suggerierte: So unklar auch noch Vieles sei, es würde sich dennoch lohnen.
Beziehung
Mit der Menge der Menschen, die meine Dame kannten, nahmen die Widersprüche zu. Egal, ob Laie oder „Experte“ im Kennen der Dame (und den damit einhergehenden eigenmächtigen Klärungsversuchen ihrer „Uneindeutigkeiten“): Mir wurde irgendwann klar, dass für mich und meine Zukunft nur dann einiges eindeutiger werden kann, wenn ich mich auf ein tieferes Kennenlernen einlasse – also nicht weiterhin recht unfertige Bilder von mir „zur Übersetzung“ anbiete.
Ich ließ mich ein, zögerlich zunächst, dann jedoch mit „Haut und Haaren“, d.h. mit ungeahnten Irritationen, mit ungekannten Schmerzen, aber auch mit unbekannten Freuden. Ich kam an einen „wendenden Punkt“ (Rilke) in meinem Leben, nämlich zu beginnen, die Verantwortung für meine Gedanken, meine Gefühle und meine Handlungen in mir zu suchen und auch zu finden und nicht mehr, gleichsam roboterhaft, in den Reaktionen anderer auf mich bzw. meine Gedanken, Gefühle, Handlungen.
Meine Dame ließ mich zum Trost wissen, dass diese Übung ein Leben lang anhält. Was ich hier so einsichtig reflektiere, war es unterwegs mitunter gar nicht. „Vom Edelmut (genauer: Hochmut) zur Demut“, so lautete und lautet meine Losung. Sie bedeutet für mich in ihrer zwischenmenschlichen Wirkung, mit scheinbar weniger Anerkennung auszukommen. Beachte ich diese Losung jedoch nicht, gerate ich aus der Balance, hebe dann zumeist ab, um schließlich tief zu fallen. Meine Dame wusste dieses alles bereits und blieb bei mir, vor und nach einem Fall. (Mir selbst bin ich dankbar dafür, dass ich sie nie hinauskomplimentiert habe.)
Weggefährtin
Der Alltag ist die zentrale Übung, besonders in den unmittelbaren Begegnungen. Egal, ob beruflich oder privat, mein „edles Gemüt“ geht immer wieder mit mir durch. Täglich habe ich mich zu erinnern und zu entscheiden, ob ich mich „fremdverantworten“ lasse oder mich selbst verantworte, ohne dabei den Blick auf mich und meine Motive zu vernachlässigen - eben weil diese mir innewohnende Ressource eine heimtückische Falle werden kann.
Jetzt, in Partnerschaft und als Vater, hat sich mein Verantwortungsblick erweitert. Die mir liebsten Menschen um mich herum leben und agieren aus ihren eigenen Ressourcen und tappen in ihre eigenen Fallen – wenn ich darum nicht wüsste, könnte ich den Maßstab zur Beurteilung ja nur in mir selbst finden, womit ich ihnen oft nicht gerecht würde.
„Meine“ Dame ist zu „unserer“ Dame geworden. Sie ist uns eine häufige Besucherin und auch meistens ein sehr willkommener Gast, obgleich es auch immer wieder anstrengend mit ihr ist - aber bislang noch immer auf eine lohnende Art und Weise. Wie es eben ist mit echten Weggefährten, die die Gabe haben, den ganzen Menschen zu sehen.
- Harald -